Was ist schon normal?

Wir befinden uns im 3. Jahrhundert vor Christus: König Alexander der Große sitzt mit seiner Familie am Esstisch, als es an der Tür klopft. „Das muss er sein“, denkt Alexander leicht nervös. Er öffnet seinem Geliebten die Türe und stellt ihn seiner Familie vor. Ja du hörst richtig, schon der antike König Alexander der Große war bisexuell, und das war kein Geheimnis, sondern eine öffentliche Tatsache. Das antike Griechenland gilt als Vorreiter modernen Denkens was Homosexualität anbelangt. Wenn sogar unsere Vorfahren vor über 2.000 Jahren so fortschrittlich waren, um gleichgeschlechtliche Liebe zumindest zu tolerieren, wie zum Teufel können wir uns erklären, dass wir so viele Jahrhunderte später nicht wenigstens genauso offen gegenüber unterschiedlichen Formen von Sexualität sein können? Okay machen wir uns nichts vor, auch damals gab es vermutlich genauso viele Gegner von Homosexualität, wie auch heutzutage noch, dennoch müsste unser liberales Denken doch eigentlich schon 2000 Schritte weiter sein. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari beschäftigt sich in seinem Bestseller Homo Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit mit den Ursprüngen und Gründen für Homophobie. Homo-kritische Gruppen argumentieren oft mit der Aussage, gleichgeschlechtliche Liebe sei „unnatürlich“. Doch was genau heißt das? Harari untersucht genau diese Frage und kommt zu dem Entschluss, dass man definitionsgemäß all das als „natürlich“ bezeichnen kann, was in unserer Natur möglich ist. Die Frage, ob homosexuelle Liebe potenziell möglich ist, beantwortet sich wohl von selbst. Welches Gesetz der Natur verbietet denn nun diese Form von Sexualität? Richtig, überhaupt keins! Die Biologie gibt dem Menschen nämlich ein unendlich großes Fass an Möglichkeiten, doch die Kultur (es sei angemerkt, dass wir diese aus freien Stücken selbst erfunden haben) verbietet es uns, die volle Bandbreite dieser Möglichkeiten wahrzunehmen. Die Regeln für das, was wir als „natürlich“ ansehen fundieren keineswegs auf unserer Natur, sondern (welch eine Überraschung!) auf den etablierten Religionen unserer Gesellschaft. Christliche Theologie zum Beispiel sieht vor, dass wir stets „im Einklang mit den Absichten Gottes, der die Natur erschaffen hat“ handeln sollten, was für das Geschlechtsorgan lediglich den Zweck der Fortpflanzung miteinbezieht. Dass Fortpflanzungsorgane schon seit Anbeginn der Menschheit auch soziale Zwecke erfüllen, ist wohl kein großes Geheimnis. Würden wir uns also nur danach richten, was laut Kirche natürlich ist, dürfte man nur noch Sex haben, um Kinder zu zeugen. Warum hat uns das bisher denn nie jemand erzählt? Da hätten wir uns den ganzen Verhütungs-Stress doch sparen können! Tatsache ist, Männer und Frauen fühlen sich nicht deshalb zum selben Geschlecht hingezogen, weil sie danach erzogen wurden oder in irgendeiner Weise manipuliert wurden, sondern weil ihnen ihr eigener Körper diese Gefühle mitteilt. Ist das nicht schon Beweis genug dafür, dass Homosexualität völlig „natürlich“ ist? Eddie (23) kommt ursprünglich aus Krefeld und steckt momentan mitten in seinem Studium Textil- und Bekleidungstechnik an der Hochschule Niederrhein. Er erzählt, wie er sich mit 16 Jahren in seiner Schulklasse geoutet hat. Er hatte keine Lust mehr, dass hinter seinem Rücken getuschelt, gelästert und spekuliert wurde, was denn nur mit ihm los sei und ob er nun wirklich schwul sei. Zuerst wusste die Klasse seine Offenheit zu schätzen und drückte ihre Akzeptanz mit lautem Applaus aus, aber er merkte schnell, dass seine Mitschüler noch weit davon entfernt waren Toleranz gegenüber dem Thema zu zeigen. Eddie erinnert sich an Momente, an denen er sich so stark beeinflussen hat lassen, dass er selbst an seiner „Normalität“ gezweifelt hatte. Sprüche wie „Hey du Schwuchtel, geh dich erhängen“ oder „Lass dich lieber mal untersuchen, du hast doch ne Krankheit“ können einen 16-jährigen Jungen, der mitten in der Pubertät steckt und gerade dabei ist, sich selbst kennenzulernen, natürlich völlig aus der Bahn werfen. Es spielt keine Rolle, ob solche Bemerkungen aus einer rein kindischen, unreifen Laune herauskamen, oder auf einer wirklich homophoben Einstellung fundierten, Tatsache ist, dass es ihn jedes Mal aufs Neue verletzt hatte. Heute steht Eddie vor mir: lebensfroh, selbstsicher und völlig zufrieden mit sich selbst. Er erklärt mir, dass ihn all das zu der starken Persönlichkeit gemacht hat, die er heute ist. Was seinen Freundes- und Bekanntenkreis angeht, hat er mittlerweile eine „Ganz oder gar nicht“-Einstellung entwickelt: „Jeder der mich nicht voll und ganz so akzeptiert, kann mir gestohlen bleiben. Es gibt für mich keinen Mittelweg, entweder steht eine Person zu 100% hinter mir und allem was zu mir gehört, oder eben nicht.“ In seiner Uni hatte er noch nie Probleme wegen seiner sexuellen Neigungen. Jeder seiner Freunde und Kommilitonen toleriert und liebt ihn genau wie er ist. „Ich weiß nicht, ob es nur daran liegt, dass wir alle erwachsen geworden sind, oder dass die Menschen in meinem Uni-Umfeld so gebildet und aufgeklärt sind, dass sie verstehen, dass Homosexualität nichts mit Unnatürlichkeitzu tun hat.“ Egal, wie viel homophobe Bemerkungen Eddie in seinem Leben noch erfahren muss, er weiß mittlerweile, dass er genau so wie er jetzt ist, gut ist und noch viel mehr: „Ich weiß mittlerweile, dass ich einfach geil bin.“ Und genau das macht ihn so stark. Luisa (24) hat mir von ihren Erfahrungen im Umgang mit Homosexualität in der Studentenstadt Marburg erzählt. Sie studiert dort Kunst, Musik und Medien, mit Jura im Nebenfach. Allgemein beschreibt sie Marburg als eine sehr linke und liberale Stadt, die sich sehr gegen Sexismus einsetzt, in der es viele kulturelle Einrichtungen, Kneipen und Cafés gibt, die LGBTQ-Communities unterstützen und gegen Diskriminierungen jeder Art kämpfen. Zur Feier des Gay Pride Month wurden sogar die klassischen Ampelmännchen durch homosexuellen Frauen- und Männerpärchen ersetzt. Besonders begeistert ist sie von der lockeren, vorurteilsfreien Stimmung in ihrem eigenen Fachbereich der Geisteswissenschaften: „Wie die Studenten in meinem Fachbereich mit gleichgeschlechtlicher Liebe umgehen, erfüllt für mich alle Ansprüche an Toleranz. Die Leute respektieren nicht nur, dass du homosexuell bist, sie bemerken nicht einmal, dass du „anders“ bist. Ich sitze in der Vorlesung neben einem geschminkten Mann mit glitzernden Nägeln und bemerke, dass ihn nicht ein einziger schiefer Blick trifft. Auf die Idee ihn dumm anzumachen, geschweige denn zu beleidigen, würde hier niemand kommen. Das ist für mich Gleichberechtigung!“ Ein bisschen anders ergeht es ihr manchmal in ihren Jura-Vorlesungen. Sie betont, dass sie auf keinen Fall in Schubladen denken will und auch niemals alle Juristen als homophob verallgemeinern würde. Sie beschreibt lediglich eine Erfahrung, die sie während einer Diskussion über Homo-Ehe im öffentlichen Recht, gesammelt hat. Ein junger Mann äußerte sich mit einer so starken Antihaltung zur Legalisierung der Homo-Ehe, dass sie wirklich schockiert war. Als er seinen Standpunkt damit rechtfertige, dass das klassische Familienbild aus Mann, Frau und Kindern ja schließlich nicht umsonst das Ideal wäre, begann sich richtige Wut in ihr anzubahnen. Als ich Luisa fragte, wie sie mit solchen Situationen umgeht, sagte sie nur „Ich glaube nicht, dass man bei solchen Menschen mit einer Diskussion weit kommt. Ich denke, um eine solche Einstellung zu ändern, müsste man wohl die Ursachen, die meist schon in der Kindheit, Erziehung oder den Freundeskreisen liegen, an den Wurzeln packen. Ich versuche es deshalb mehr mit einer provokanten „Du kannst mich mal“-Haltung. Die Woche darauf bin ich mit einem „Love has no Limits“- Regenbogenshirt in die Vorlesung gekommen.“ Viele LGBTQ-Mitglieder erklären mir, dass sie ihre Sexualität gerne nach außen tragen. Es ist ein Zeichen von Freiheit und Stolz. Ein Zeichen von Fortschritt und Emanzipation. Ein Zeichen von Geschichte und Wandel, denn noch vor ein paar Jahrzehnten war man dazu gezwungen genau das Gegenteil zu tun: Seine sexuelle Orientierung so gut es geht zu verheimlichen. Besonders auf den zahlreichen Pride-Paraden zeigen sich diese Freiheiten. Nicola, ein 22-jähriger Modestudent in Rimini, beschreibt die ausgelassene und harmonische Stimmung, die die LGBTQ-Prides ausmachen. Widerstandslieder wie „Bella Ciao“ und riesige Regenbogen-Banner führen die Parade an. „An diesen Tagen gibt es keine Regeln, wir trinken, springen, tanzen, singen und feiern gemeinsam. Niemand wird ausgeschlossen und niemand wird dumm angeschaut. Wir sind eine Gemeinschaft und jeder, der mitmachen will, wird herzlich aufgenommen - selbstverständlich auch Heterosexuelle!" Manche können sich an diesen Tagen gehen lassen, wie sie es im Alltag niemals tun würden: Sie schminken sich, sie rasieren sich, sie kostümieren sich oder lassen die Kleider gleich ganz Zuhause. Als ich Nicola nach den Hintergründen und Zielen der Prides frage, erklärt er: „Klar, diese Tage sind natürlich dafür da, um für mehr Gleichberechtigung und Akzeptanz zu kämpfen, aber im Wesentlichen geht es darum, das zu feiern, was wir schon erreicht haben: Die Freiheit wir selbst zu sein und das der ganzen Welt zu zeigen!“


Autorin: Lillian Schäfer